E-Paper - 31. Mai 2019
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Was ist ein legitimer Todeswunsch?

Von Irene Müller

Darf man über den Zeitpunkt und die Art und Weise des eigenen Todes bestimmen? Dass dieses Thema stark beschäftigt, zeigte der gut besuchte Informationsabend «Assistierter Suizid Exit und Co» der Palliative Care Suhrental. Die Referentin und Spitalseelsorgerin Monika Lauper betonte vor allem eines: Jeder Mensch muss selbst entscheiden, was für ihn richtig ist.   

Schöftland Demenz in einem Stadium, in dem man die eigenen Kinder nicht mehr erkennt;  eine unheilbare Krankheit, die qualvolle Schmerzen verursacht - wohl jeder Mensch hat sich schon einmal überlegt, welches Szenario sein Leben nicht mehr lebenswert machen würde.

Manche nehmen die Zukunft wie sie kommt, andere wollen sich vorzeitig für den schlimmsten Fall absichern und werden Mitglied bei Selbsthilfeorganisationen. Im Hinterkopf der Gedanke: Was ist, wenn ich irgendwann einfach nicht mehr kann?

Spitalseelsorgerin Monika Lauper hat schon viele Menschen begleitet, die einfach nicht mehr konnten. Diesen Leuten zeigt sie dann auf, welche Optionen sie haben und welche Organisationen Hilfe anbieten. Die Palliative Care der Spitex beispielsweise hilft Menschen mit unheilbaren Krankheiten, ihren Lebensabend so angenehm wie möglich zu verbringen. Die schweizweite Organisation hat in den letzten Jahren in allen Leistungsbereichen ausgebaut. Dennoch greifen in der Schweiz noch immer jedes Jahr mehrere hundert Menschen zur erlösenden Todesspritze.

Die Angst vor dem Autonomieverlust

Welche Gründe können jemanden dazu bewegen, eine Sterbehilfeorganisation in Anspruch zu nehmen? Das fragte Monika Lauper vergangene Woche die Besucher des Informationsabends im kath. Pfarreizentrum Schöftland. Angst vor Schmerzen, anderen nicht zur Last fallen zu wollen, vollkommen abhängig von Pflegern zu werden und gleichzeitig zu vereinsamen, wurden genannt.

Die Menschen des 21. Jahrhunderts haben gelernt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und so selbstbestimmt zu leben wie wohl keine Generation je zuvor. Doch auch sie werden älter und müssen irgendwann diese Autonomie wieder aufgeben. Allerspätestens dann, wenn sie zum Pflegefall werden. Das fällt niemandem leicht. Und manchen geht es so sehr gegen den Strich, dass sie lieber ihr Leben frühzeitig beenden, um «würdevoll» gehen zu können. Doch was heisst das überhaupt?

Fortsetzung auf Seite 2

Jeder hat eine andere Vorstellung davon, was ein gutes Leben und ein guter Lebensabend ist, und in welchem Fall ein Todeswunsch gerechtfertigt ist und wann nicht.

Viele Theologen haben eine klare Haltung zu assistiertem Suizid. Der Mensch sollte nicht entscheiden, wann das Leben zu Ende geht und schon gar nicht jemand anderem dabei helfen, dessen Leben zu beenden. Die Schweiz als liberaler Staat hingegen überlässt ihren Bürgerinnen und Bürgern die Entscheidungsfreiheit, Sterbehilfeorganisationen in Anspruch zu nehmen, falls sie das wünschen. Dies unter klar definierten Voraussetzungen. Bei Exit beispielsweise wird nur jede dritte Anfrage zu Freitodbegleitungen nach eingehender Prüfung auch bewilligt.

Seelsorger sind wie Hebammen

Seelsorger unterstützen Menschen auf ihrem letzten Lebensweg und helfen ihnen, diese Entscheidung zu fällen. Monika Lauper warnt dabei vor der sogenannten Absolutionsfalle: Manche Leute wünschten sich von den Seelsorgern eine Antwort oder zumindest eine Legitimation für ihren Entscheid. Dabei müssen sich Seelsorger zurücknehmen und ihre eigene Meinung für sich behalten. «Sie sind wie Hebammen», sagte Lauper. Bei der Geburt eines Entscheides stehen sie schlicht beratend zur Seite.

red@aarauer-nachrichten.ch

Aarauer Nachrichten vom Freitag, 31. Mai 2019, Seite 1 (29 Views)

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