E-Paper - 02. Juni 2017
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Die grosse Geschichte einer kleinen Gemeinde

Von Bire zu Birr in 247 Jahren

Der Siedlungsursprung von Birr ist urkundlich nachgewiesen mit einem Kauf von Besitztum durch das Kloster Wettingen in der damaligen Ortschaft «Bire» im Jahre 1270. Im Konstanzer Steuerregister von 1371 wird Birr im Markenbuch des Bistums Konstanz als Filiale von Windisch, der grossen Urpfarrei des Eigenamtes, genannt.

Das Eigenamt mit den Gemeinden Birr, Birrhard, Lupfig und Scherz gehörte zum Besitztum der Grafen von Habsburg, bevor das ganze Eigenamt 1411 dem Kloster Königsfelden zufiel. Mit der Eroberung des Aargaus durch die Berner 1415 endete die Oberherrschaft der Habsburger im Eigenamt. 1803 entstand als Folge der Französischen Revolution der heutige Kanton Aargau. Die Ortsbürger von Birr haben folgende Hauptgeschlechter: Angliker, Bopp, Eichenberger, Frey, Gloor, Gysi, Mattenberger, Müller, Roth, Setz, Schoder und Wüst.

Pestalozzi lässt grüssen

Birr war eine Wirkungsstätte von Johann Heinrich Pestalozzi. Diese Persönlichkeit hat als Pädagoge auf dem Neuhof in Birr (heute Berufsbildungsheim Neuhof) Massstäbe gesetzt mit weltweiter Ausstrahlung und Anerkennung. Der Japaner Prof. Dr. Arata Osada war ein begeisterter Anhänger von Johann Heinrich Pestalozzi und Verfechter seiner pädagogischen Theorien. Er widmete seine Schaffenskraft der Erforschung und Verbreitung der Philosophie von Johann Heinrich Pestalozzi in Japan. Seinem Wunsch entsprechend wurde die Asche von Arata Osada in der Nähe der Grabstätte Johann Heinrich Pestalozzis in Birr beigesetzt und an der Mauer der reformierten Kirche Birr eine Gedenktafel angebracht.

Im Januar 1871, während des deutsch-französischen Krieges, fanden ca. 85'000 Mann der französischen Bourbakiarmee in der neutralen Schweiz Zuflucht und Aufnahme. Im Frühjahr 1871 starben 22 französische Soldaten im Heilbad Schinznach, worauf ihnen Landsleute auf ihrer letzten Ruhestätte in Birr ein Denkmal widmeten. 1899 wurde es vom Elsässer Bildhauer Bartholdi in Form einer geflügelten Viktoria in Bronze ausgeführt. Derselbe Bildhauer hat auch die Freiheitsstatue im New Yorker Hafen geschaffen.

Wappen von Birr

Die Blasonierung desselben lautet:

In blau eine gelbe Birne an grünem Blätterzweig. Ein sogenanntes sprechendes Wappen; der Ortsname hat allerdings mit der Birne kaum etwas zu tun, sondern ist von Birch (Birke) abzuleiten.

Vom Bauerndorf zur Industriegemeinde

Das Siedlungsgebiet von Birr ist angelehnt am Nordhang des Kestenberges. Die Gemeindefläche beträgt 504 Hektaren. Birr liegt beim Fixpunkt Gemeindehaus 402 m über Meer. Davon sind rund 165 Hektaren Wald mit folgenden Eigentumsverhältnissen: 92 Hektaren Gemeindewald am Kestenberg (Ortsbürgergemeinde) sowie 53 ha Staatswald und 20 ha Privatwald, beides im Biretholz. Die Gemeinde Birr zählte im 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein rund 500 Einwohner. Ab 1955 setzte die Industrialisierung ein. Die Gemeinde Birr entwickelte sich vom Bauerndorf zur Industriegemeinde. Das sprunghafte Wachstum bewirkte eine Umwälzung der Bevölkerungsstruktur. In der Wohnsiedlung «Wyde» wurden mehrheitlich ausländische Familien angesiedelt, alles Arbeitnehmer der damaligen BBC.

Die Bevölkerungsentwicklung des Dorfes kann wie folgt aufgezeigt werden: Um 1900 wurden in Birr rund sechzig Landwirtschaftsbetriebe gezählt. Heute sind noch sechs Landwirte ansässig. Das wirtschaftliche Hauptgewicht liegt bei der in Birr angesiedelten Industrie. Die Betriebsstätten von ALSTOM AG, ABB, Brugg Kabel AG, Bertschi AG Dürrenäsch, SIKA Schweiz AG, Legrand AG, Robotec-Schomburg AG und NOK geben dem Industriestandort das Gepräge. Daneben florieren in Birr zahlreiche Handwerks- und Kleinbetriebe vieler Gewerbegattungen. Die mit dem Bauzonenplan rechtskräftig ausgeschiedenen Baulandreserven ermöglichen ein moderates und kontrolliertes Wachstum an attraktiver Wohnlage sowie die Ansiedlung weiterer Gewerbe- und Industriebetriebe an prädestiniertem Standort. Die Siedlungsstrukturen von Birr werden geprägt vom beschaulichen Dorfkern und Wohnsiedlungen moderner Struktur. Auch mit diesen Gegensätzen liegt das Erlebnispotenzial von Birr im Überschaubaren. Der Industriestandort Eigenamt hat kantonale Bedeutung.

Erfreulicherweise ist das Birrfeld als eine der grossen Kornkammern des Kantons Aargau erhalten geblieben. pd

Aarauer Nachrichten vom Freitag, 2. Juni 2017, Seite 11 (81 Views)

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